Warum es für mich essenziell ist meine Bildbände selber zu kuratieren

Als Auflockerung habe ich hier Bilder aus einer Strecke mit der bezaubernden Caro beigemischt.

Jeder der sich auf den Weg macht seine Arbeiten in gedruckter Form zu publizieren steht irgendwann vor der inhaltlichen Bildauswahl und vor der Aufgabe diese in einen Kontext zu stellen. Sprich: „Welche Bilder genau sollen aus der Vorauswahl in welcher Reihenfolge, welchem Schnitt usw. ausgewählt und entsprechend platziert werden, um genau das was mir dazu im Kopf herumschwirrt zu transportieren?“ Im groben folgt dies sicherlich der konzeptionellen Idee für eine Publikation wie z. B. einem Bildband, einer Ausstellung oder vergleichbares. Es ist meines Erachtens eine der wichtigsten und intensivsten Aufgaben in Projekten dieser Art. Nun lese ich in diesem Zusammenhang immer wieder Statements wie: „Ein Bildband, eine Ausstellung (place any) sollte durch einen Kurator (respektive Dritten) kuratiert werden!“ Im Sinne, dass der Prozess der finalen Bildauswahl, Reihenfolge u. ä. durch einen Dritten mit entsprechender Expertise ausgeführt wird.

IST DAS WIRKLICH SO?

Bevor ich meine Arbeiten selber in gedruckter Form publiziert habe fand ich dies durchaus stimmig. Es gibt sicherlich auch Gründe die dafürsprechen. Ich teile diese Meinung mittlerweile aber nicht mehr. Wohlgemerkt, wenn es um meine Projekte geht. Vielleicht stehe ich damit auch alleine, who knows. Ich möchte dazu aber gerne meine Gedanken mit euch teilen, warum es mir für meine persönliche Entwicklung aber auch für ein authentisches Ergebnis wichtig ist, meine Bildbände selbst zu kuratieren.

Was genau macht bei unseren Bildern den Unterschied zu denen anderer Fotografen? Hauptsächlich unsere persönliche Prägung – unser Mindset! Etwas vereinfacht: Unsere ganz persönliche „Brille“, durch die wir unsere Umwelt wahrnehme. Ich fotografiere die Menschen nicht wie sie sich sehen oder andere, sondern wie ich sie sehe. Und Genau hier sind wir bei des Pudels Kern:

KEINER SCHAUT DURCH MEINE BRILLE

Was für einzelne Bilder gilt, wirkt sich natürlich noch differenzierter beim Storytelling in Form von Bildstrecken aus. Wenn es um meine Kunst geht, sieht es keiner so, wie ich es sehe – wie sollte dies auch gehen. Die Ignoranz dieser Wahrheit ist übrigens auch ein Grund für endlose Richtig- und Falsch-Diskussionen, wenn es um vermeintliche Bildkritik geht. Dies aber nur am Rande.

Was bedeutet es konkret, wenn ich die Entscheidung für Auswahl und Kontext einem Dritten überlasse? Seine Kompetenz dazu mal ganz außen vorgelassen. Ich gehe bei einer Zusammenarbeit immer Kompromisse ein! Kann ja auch nicht anders sein, für diese Aufgabe wurde er ja mit ins Boot geholt. Das Ergebnis kann durchaus gut werden. Für einen Außenstehenden sogar leichter konsumierbar bzw. auch stimmiger, wenn es um Massen-Kompatibilität geht, aber:

DAS ERGEBNIS WIRD EIN ANDERES UND NICHT MEHR MEIN WERK SEIN!

Das ist für mich der entschiedenste Knackpunkt. Um da nicht zu kurz zu springen, möchte ich meine Gedanken gerne noch etwas differenzieren. Es gibt sicherlich Gründe sein Werk kuratieren zu lassen. Dies können Vorgaben in einem Projekt sein. Vielleicht auch strategische Gründe. Es ist Teil des Schaffens als Berufsfotograf – ein Job an dem auch meine Existenz hängt o. ä. Es wäre auch blauäugig zu behaupten jeder hätte die Wahl und das Budget sich einen Kurator zu leisten. Wobei mir hier eine kleine Randbemerkung erlaubt sei: Begriffe wie Kurator und Kuratieren werden mir teilweise zu inflationär und auch mal sehr vollmundig aus dem Zusammenhang verwendet. Ich verwende diese Begriffe auch nur hier, um den roten Faden nicht zu verlieren. Hier gilt es sicherlich abzuwägen: „Wieviel persönliche Egozentrik kann ich mir leisten?“ Da ich nicht davon leben muss, habe ich natürlich gut reden. Um hier aber nicht Äpfel mit Birnen zu vermischen, möchte ich es tatsächlich aus der Position heraus betrachten, dass ich die Wahl habe. Sonst wird es unscharf.

Ich arbeite mittlerweile an meinem siebten, selbst kuratierten, Bildband. Inhaltlich überwiegend in Form von Bildstrecken. Es wird diesmal aber auch wieder eine Rubrik mit ausgesuchten Einzelbildern geben. Tatsächlich würde ich jedem bei so einem Projekt empfehlen sich auch externen Rat einzuholen. Ich habe mir bei den unterschiedlichen Projektphasen immer wieder eine Sicht von außen dazu geholt und lasse auch Dritte über meine Bilder schauen. Und natürlich mache auch ich Fehler, zu Beginn und sicherlich auch heute noch! Aber ich bin davon überzeugt, dass es Fehler gibt die man selber machen muss um sich persönlich weiter zu entwickeln. Mit Corinna, die mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen ist, hätte ich tatsächlich sogar jemanden in meinem Umfeld an den ich es abgeben könnte. Sie fühlt sich nicht nur vor und hinter der Cam wohl sondern ist auch eine erfahrene Mediendesignerin. Corinna hat mir bei Adobe InDesign, das Programm in dem ich meine Druckdaten setze, aufs Pferd geholfen. An dieser Stelle noch einmal ganz lieben Dank! Aber den Prozess der Bildauswahl bis hin zur Platzierung jedes einzelnen Bildes würde ich nicht aus der Hand geben wollen. Es ist einer der wertvollsten Entwicklungsprozesse und entscheidet darüber wieviel von mir dann noch im Ergebnis steckt.

Ich bin zu 100% für das Ergebnis verantwortlich. Auch für die Dinge, die vielleicht noch nicht gut umgesetzt sind. Ich kann mich nicht mehr verstecken und muss mich meiner Selbstkritik stellen. Dieser Prozess immer wieder aus Neue abzuwägen macht etwas ganz Entscheidendes mit dir. Du begegnest dir und deinen Bildern auf eine sehr intensive Weise. Die ausgewählten Bilder und Bildstrecken müssen allen eigenen Gedanken dazu standhalten.

Wer sich jetzt sagt: „Ich kann am Ende auf das fertige Ergebnis ja immer noch Einfluss nehmen!“ Nein, könnt ihr nicht wirklich! Sobald ihr diesen Prozess an einen Dritten abgebt, habt ihr für Euch bereits entschieden ein Stück weit die Verantwortung abzugeben und Kompromisse zu akzeptieren. Und ihr seit den essenziellen Weg des ständigen Abwägens nicht selber gegangen. Jetzt könnt ihr natürlich noch ein, zwei Bilder anders platzieren. Es ist aber nicht mehr zu 100% euer Werk.

KEINER SCHAUT DURCH MEINE BRILLE

Mich hat dieser Prozess immer wieder aufs Neue unfassbar weitergebracht und mit jedem neuen Bildband konnte ich weiterwachsen. Für mich ein ganz wichtiger NEXT LEVEL in meiner Entwicklung.

In diesem Zusammenhang sollte noch erwähnt werden, dass Peter Lindbergh mit „Untold Stories“ erstmals eine Ausstellung komplett selbst kuratiert hat. Ich kann euch dazu nur wärmstens das Interview von Felix Krämer mit Peter Lindbergh ans Herz legen (veröffentlicht im Ausstellungskatalog zu „Untold Stories“). Hier Beschreibt Peter Lindbergh wie intensiv und tiefgreifen die Erfahrung war, die er beim Kuratieren von „Untold Stories“ gemacht hat. Wie wertvoll dieser Prozess für ihn war. Und wie es ihn oftmals an seine eigenen Grenzen geführt hat. Auch wenn euch euer Projekt kleiner und überschaubarer erscheint, die Konsequenz daraus ist die gleiche.

Peter Lindbergh: „Ich fühle mich für jedes einzelne Foto in meiner Ausstellung total verantwortlich und das ist fantastisch. Ich hatte nichts, um mich dahinter zu verstecken.“ „Aber jetzt, da ich diese Aufgabe allein bewältigen muss, tun sich Tiefen auf, mit denen ich mich intensiv beschäftige und die mir manchmal Angst machen und mich vor die Frage stellen: Wer bist du eigentlich und woher kommen diese ganzen Bilder? Und natürlich: Warum so und nicht anders?“ Quelle: Peter Lindbergh, Untold Stories, Taschen (2020)

Er spricht mir so aus dem Herzen, wenn ich an meinen eigenen Weg denke, den ich 2017 begonnen habe. Und es lässt mich erahnen das ich nicht ganz so falsch liege.

Euch eine gute Zeit

Boris