Warum viele Fotografen ihre Bildsprache am falschen Ort suchen.

 

Ich glaube, dass viele Fotografen ihre Bildsprache genau dort suchen, wo sie niemals entstehen kann.

Im Bild.

Sie suchen nach einem besonderen Look.
Nach einem Genre.
Nach einer Brennweite.
Nach einem Bildschnitt.
Nach einem Preset.

Dabei entsteht Bildsprache lange bevor wir auf den Auslöser drücken.

Vielleicht werden Bildstil und Bildsprache genau deshalb so oft verwechselt.

Stil lässt sich kopieren.
Bildsprache nicht.

Man kann lernen, wie jemand Licht setzt.
Wie er schneidet.
Wie er Farben bearbeitet.
Wie er Schwarz-Weiß-Verläufe gestaltet.

Man kann sogar erstaunlich ähnliche Bilder machen.

 

Und trotzdem fehlt etwas.

 

Der schnellste Weg zur Austauschbarkeit ist das perfekte Bildrezept.

 

 

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Missverständnis.

Viele glauben, Bildsprache sei das Ergebnis bewusster gestalterischer Entscheidungen.
Ich glaube, sie ist deren Folge.

Sie entsteht nicht durch einen bestimmten Bildaufbau.

Nicht durch ein Preset.
Nicht durch enge Schnitte.
Nicht durch analoge Prozesse.
Nicht durch den Look einer Linse.
Nicht durch Negative Space.

All diese Dinge beeinflussen ein Bild.
Sie Akzentuieren was bereits da ist.

Aber sie erzählen noch nichts darüber, wer der Mensch hinter der Kamera ist.

Bildsprache ist das, was übrig bleibt, wenn ich
alles
handwerklich Reproduzierbare wegnehme.

 

 

Wenn ich Arbeiten von Fotografen betrachte, die mich seit Jahren begleiten, erinnere ich mich später selten an ihre Technik.

Ich erinnere mich an ihre Haltung.
Daran, wie viel Nähe sie zulassen.
Wie sie Menschen begegnen.
Wie ruhig oder laut ihre Bilder sind.
Welche Momente sie für wichtig halten.
Und welche sie vorbeiziehen lassen.

Vielleicht erkennen wir einige Fotografen deshalb nicht an laute Stilmittel in ihren Bildern.
Sondern an den Entscheidungen, die in ihnen sichtbar werden.

Für mich ist Bildsprache deshalb keine Entscheidung.

Sie ist eine Folge.
Die sichtbare Folge unserer Haltung.

Vielleicht verändert sie sich deshalb auch.
Nicht sprunghaft.
Nicht mit jeder neuen Kamera.
Sondern immer dann, wenn sich der Mensch hinter der Kamera verändert.

Je länger ich fotografiere, desto weniger versuche ich deshalb, eine Bildsprache zu entwickeln.

Ich versuche,
Menschen offener zu begegnen.
Aufmerksamer wahrzunehmen.
Und immer klarer zu erkennen, was für mich wirklich zählt.

Vielleicht entsteht genau daraus irgendwann etwas, das andere später Bildsprache nennen.

 

Mich würde interessieren:

Woran erkennst du einen Fotografen wieder? Am Look seiner Bilder – oder an etwas, das sich viel schwerer beschreiben lässt?

 

 

Gedanken aus „Zwischen den Bildern“

Gedanke 02
Warum viele Fotografen ihre Bildsprache am falschen Ort suchen.

Dieser Gedanke ist Teil einer fortlaufenden Reihe über Menschen, Vertrauen und Fotografie.

Vielleicht möchtest du hier weiterlesen:

Gedanke 01
Perfektion erzeugt Bewunderung. Glaubwürdigkeit erzeugt Vertrauen.